Wenn die IT in Rente geht

Auswege aus der demografischen Kompetenzfalle

In einigen Jahren werden viele erfahrene IT-Experten in den Ruhestand gehen. Mit ihnen geht auch Fachwissen verloren, das sich nicht nachkaufen lässt. Der Generationswechsel muss jetzt geplant werden – sonst ist es zu spät.

Noch sieben Jahre. Dann stellt SAP die Wartung für SAP ERP und weitere Lösungen der SAP Business Suite ein. Das ist nicht mehr lang, bedenkt man, was die IT für einen Technologiewechsel vorbereiten muss. Natürlich wird der Umstieg Geld kosten. Aber mit Budgets allein wird sich die Herausforderung diesmal nicht lösen lassen.

Einen solchen Wandel gab es noch nie

Ein Blick zurück auf die goldenen Neunziger: Damals standen schon einmal ähnlich umfangreiche Einführungsprojekte an. Unternehmen bauten ganze Expertenteams auf, die sich um Konzeption, Implementierung, Customizing und Betrieb von SAP R/3 und Co. kümmerten. Gerade das Customizing wurde zu ihrem Steckenpferd: Das Wissen über Code-Modifikationen, über die gesamte Infrastruktur, über die Abhängigkeiten zwischen allen Systemen steckt heute praktisch ausschließlich in den Köpfen dieser IT-Veteranen. Wenn der nächste Technologiesprung ansteht, ist dieses Know-how elementar. Die meisten Wissensträger jedoch werden dann aus Altersgründen gar nicht mehr da sein.

Wissen weitergeben – aber wem?

Für neue Leute fehlen aber oft die Planstellen. Natürlich, aktuell werden schließlich keine weiteren IT-Kollegen benötigt. Und die vorausschauenden Unternehmen, die schon jetzt nach Nachfolgern suchen, stehen schon vor dem nächsten Problem: dem Arbeitsmarkt. Während sich Fachleute vor zwanzig Jahren noch gut finden ließen, sind sie heute mit der Lupe zu suchen – schon allein wegen des demografischen Wandels. Zudem ist der Wettbewerb so hart wie nie: Die Googles und Accentures dieser Welt locken mit ihrem Image und natürlich mit Gehältern, die der klassische Mittelständler einfach nicht bieten kann.

„Wer wartet, bis die Know-how-Träger ausgeschieden sind, riskiert die Existenzgrundlage seines Unternehmens.“
Patrick Weck, Gesellschafter, SIRIUS Consulting & Training AG

Es droht ein klassischer Deadlock: Das elementare Wissen über die eigenen IT-Strukturen verlässt das Unternehmen und es ist niemand da, der den Wechsel von veralteten zu zukunftsfähigen Technologien durchführen kann. Frei nach dem Motto: „Stell dir vor, es ist Migration und niemand weiß, wie’s geht.“

Lösungsstrategie hat drei Dimensionen

Wir merken immer wieder: Viele Unternehmen unterschätzen die Laufzeit und Größenordnung der anstehenden Transformation. Eben weil sie oft als reines IT-Projekt angesehen wird, das nur ausreichend budgetiert werden muss. Tatsächlich aber sollten Unternehmen bereits jetzt beginnen, einen umfassenden Plan zu entwickeln. Dabei bewährt es sich, drei Dimensionen zu berücksichtigen:

  1. Die Applikationslandschaft
    Wie hoch ist der Anteil proprietärer Lösungen versus Standardsoftware? Ist Know-how erforderlich, das heute kaum noch jemand hat? Wie eng ist das Customizing in der IT-Architektur verzahnt? Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen den einzelnen Anwendungen und welche lassen sich risikofrei abschalten?
  2. Die Infrastruktur
    Wie treffen Sie künftig Make-or-Buy-Entscheidungen? Welche Bereiche der IT sollten Sie also an Dienstleister auslagern, welche in-house halten? Wofür braucht es neue Schnittstellen und welche Teile der Infrastruktur werden überflüssig?
  3. Das Personal und die Organisation
    Wie stellen Sie sich am Arbeitsmarkt attraktiv auf, um sich im verschärften Wettbewerb um Fachkräfte zu behaupten? Rein rechnerisch ist klar, dass IT-Organisationen künftig mit deutlich weniger Personal auskommen müssen – und Organisation wie Technik müssen darauf eingestellt sein.

Die gute Nachricht: Wer jetzt beginnt, die Zukunft seiner IT-Organisation zu planen, der hat noch alle Möglichkeiten. Dabei sollten allerdings nicht kurzfristige, Stakeholder-getriebene Interessen im Vordergrund stehen. Sondern der langfristige Bestand des Unternehmens.

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